Eltern

Schwerer Text im Slam-format darüber dass auch fürsorgliche Eltern einen im Stich lassen können. Ein Text der Schmerzen zeigt die auftreten wenn Eltern das was vor ihnen steht nicht wahr haben wollen.


Wir stehen in der Küche – ein kurzer Satz, der viele unserer Gespräche treffend beschreibt. Ich weiß nicht, wie es in anderen Familien war, aber so ziemlich alle Erinnerungen an Wendepunkte meiner Kindheit finden in dieser Küche statt. Stehend.

Wir stehen also in der Küche und ich sage euch – meinen Eltern –, dass ich nicht mehr kann. Ich bin 10 oder 12 oder 16 und das ist eigentlich auch egal, weil dieses Gespräch so viel häufiger als nur dieses eine Mal stattgefunden hat.

Ich kann dem Unterricht schwer folgen, bin unkonzentriert, abgelenkt, ohne es zu merken. Um mich herum passieren ein Haufen sozialer Dinge, die ich nicht verstehe, zwischen Menschen, die ich auch nicht verstehe und die mir das Gefühl geben, ich sei gerade erst mit einem Raumschiff gelandet und würde nur vorgeben, ich wäre ein Mensch.

Währenddessen scheinen um mich herum alle zu wissen, was sie tun, so wie sie es tun. Und es wirkt auf mich, als würden die Erwachsenen erwarten, dass wir alle wissen, was wir tun: Niemand tanzt aus der Reihe – konform, glatt, gut, alles wie erwartet.

Und das erzähl’ ich euch, dass mir das nicht passt – also mehr, dass es mich auffrisst und mir die Luft ausgeht – vielleicht noch eher, dass ich so nicht mehr leben kann – denn ich bin am Ende: mit meiner Kraft und mit meinem Latein – also ratlos. Nicht altsprachlich – aber das hat mir auch nie gelegen.

Ich weiß eigentlich schon, was kommt, weil – wie eben gesagt – dieses 'Stehen in der Küche' so ein wiederkehrendes Ding ist. Und – auch wenn ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß – ich werde diese Gespräche noch Jahrzehnte später in Therapiesitzungen vollkommen fassungslos wieder und wieder reproduzieren.

"Das ist eigentlich sehr normal" sagt eins von euch, während das andere nickt und sagt: "Das hatten wir auch." – und dann kommt dieser so unverfänglich schadvolle Satz, gegen den ich so angsterfüllt wie auch hilflos war, weil er keine Handlungsoptionen offen und keine Hoffnung übriglässt:

Nummer 1: "Das ist in dem Alter einfach so."

Und es war in jedem Alter einfach irgendwie – und immer irgendwie so, wie es bei mir gerade war – aber wenn es doch für alle einfach so ist – warum bin ich dann nicht Teil von 'alle' sondern stehe eben daneben und jetzt hier in der Küche? Mit den Tränen schon in den Augen – denn ich wusste ja, was kommt.

Und vermutlich haben einige von euch von euren Eltern das Gleiche gehört und genau so in deren Küchen gestanden und Tränen in den Augen gehabt – oder heruntergeschluckt, weil es sonst Schläge gegeben hätte – und das passiert hier wenigstens nicht, zumindest nicht mit dem Körper.

Denn mein Geist fühlt und gibt sich doch irgendwie geschlagen und es bricht aus mir heraus, dass das nicht sein kann und was ich denn da machen soll – weil ich nicht weiß, wie ich dazu gehören kann –, was ich ja eigentlich gar nicht will, weil ich die anderen nicht verstehe – und doch will ich nicht alleine am Rand stehen.

Und ich weiß nicht weiter, weil ich nicht weiß, wer ich bin.

Und ihr hebt beide eure Augenbrauen, nicht aus Verwunderung, vielleicht mehr aus Ratlosigkeit. Es ist sicher nicht schön, wie ich da an die Küchentheke gelehnt und nach vorn gebeugt Rotz und Wasser auf den Boden tropfe – und das sehe ich euch an.

Vielleicht ist es auch Verzweiflung – eine Übersprungshandlung, weil ihr wisst, wie es sich anfühlt, aber ihr als Jugendliche eben auch nicht wusstet, was ihr mit euch machen sollt – und jetzt eben mit mir.

Und dann kommt eins von euch mit Nummer 2: "Du, da mussten wir früher auch durch." und das andere schiebt nach: „Müssen wir alle durch, fürchte ich …“. Irgendwer seufzt, ich weiß nicht, ob ich es bin, aber es passt.

Ich denke mir: "Es wäre doch echt nett, wenn ihr mir sagen würdet, wie IHR das geschafft habt." – aber jede Generation ist verschieden – übrigens noch so ein universell entlasten wollender, aber wenig hilfreicher Satz.

Daher erwarte ich gar nicht, dass mir jemand von euch sagt, was ICH jetzt tun soll – weil ja nicht nur jede Generation, sondern auch jeder Mensch verschieden ist und jede Situation, in die wir kommen.

Und dann wird mir schwindelig, weil ich im Kopf ausmultipliziere, wie verschieden wir dann alle in Summe sind – und die Rechnung geht nicht auf: Denn es kommt mir vor, als sei ich die einzige Person in der Klasse, die so weit abseits steht und nicht dazu passt. Das wäre doch statistisch ein ziemlicher Ausreißer.

Und als hättet ihr es geahnt, kommt endlich Nummer 3: "Du bist halt ein wenig anders." – und damit bricht so ein bisschen der Bann … weil bisher lag es an allen und alle hatten die gleichen Probleme und jetzt liegt es doch wieder irgendwie an mir.

Und ihr sagt mir, was die anderen für "arme Würstchen" sind – nicht meine Worte –, weil die mich nicht verstehen. Und dankenswerterweise sagt ihr mir auch, wie wertvoll und schön das ist, wie ich bin. Einige Jahrzehnte später werde ich dafür mal sehr dankbar sein. Aber jetzt gerade hilft es mir eben nicht, wo ich da stehe und verzweifle.

Und genau dieses 'Anderssein' ist es, bei dem ich Hilfe brauche – es ist, warum ich hier stehe und den Küchenboden voll tropfe. Ich weiß es – durch die Ausgrenzung, die Einsamkeit, die Gewalt, die Orientierungslosigkeit. Und deswegen fühlt es sich an, als wäre all das für euch eine unausweichliche Folge davon, dass ich bin … dass ich anders bin … dass ich 'ICH' bin.

Ich heule also noch ein wenig weiter, lauter und etwas nasser … und sehe, wie ihr nervös von einem Bein aufs andere tippelt, denn ihr wisst nicht, was ihr sagen sollt. In diesen Gesprächen in der Küche gibt es keine Nummer vier – ein sehr sarkastischer Teil in mir denkt, dass 3 Gänge ja auch eigentlich genug sein müssen, um satt zu werden. Doch ich bin nicht satt.

Während wir schweigen, macht es sich der Gedanke in meinem Kopf gemütlich, dass es an mir liegt, dass all das, was ich täglich erlebe, in der Folge normal ist und ich damit irgendwie umgehen muss. Es gibt kein 'da rauskommen' – das ist, was ihr mir da eben gesagt habt –, denn das habt schon ihr so erlebt und damit ist es Gesetz.

Und so in etwa laufen die Gespräche in der Küche. Jahrzehnte später noch gehen sie mir durch den Kopf und ich werde irgendwann auf einer Bühne stehen und davon erzählen – von diesen Momenten, in denen wir alle gemeinsam nicht weiterwussten.

Ihr werdet mich dann in so vielen Situationen gefragt haben, was ich denn gebraucht hätte – und wieso ich denn nicht insistiert hätte, dass sich was ändern muss.

Ihr werdet unzählige Male behauptet haben, dass ihr nicht wusstet, wie es mir ging, und ihr nicht verstanden habt, wie schlimm es war.

Und ich werde euch erinnert haben an mein Flehen, die Schule zu wechseln, an die Bitten, mir oder euch professionelle Hilfe zu suchen, oder wenigstens mit jemandem zu reden.

Und ihr werdet mir jedes Mal geantwortet haben, dass ihr, wenn ihr nur gewusst hättet, wie schlimm es wirklich war, das auch getan hättet.

Ich sei ja immer so emotional gewesen und ihr hättet einfach nicht gewusst, wann es schlimm und wann ich nur überempfindlich war, denn auch das hättet ihr von euch gekannt – und dass es manchmal ja auch von selbst wieder besser geworden wäre und Warten eben manchmal reicht.

Ich werde erwidert haben, dass es immer schlimm war und ich am Ende. Aber ich war eben wieder anders – zu anders als ihr, um zu wissen, wie für euch glaubwürdig präsentierte Verzweiflung aussieht. Es tut mir leid, ihr beiden, dass ich da einfach ohne Rücksicht auf soziale Normen zusammengebrochen bin.

Ich werde darauf zurückblicken und nicht verstehen, warum ihr dachtet, eine Erklärung für mein Problem zu benennen hätte irgendwas gelöst – warum, wenn ihr nicht weiter wusstet, ihr euch nie um Hilfe bemüht habt.

Ich werde mich fragen, warum ihr dachtet, nur weil ihr keine Hilfe hattet, müsste es bei mir auch so gehen – was euch das Vertrauen gegeben hat, dass ich es auch schaffen und auch so stark sein würde wie ihr.

Ich werde nicht begreifen, warum ihr euch so sicher wart, euer Kind könnte all das nicht betreffen, was man in der Zeitung liest über Mobbing und Missbrauch. Und ich werde nicht verstehen, warum ihr mir nicht geglaubt habt, wie knapp es für mich war.

Wir werden noch viele Male in der Küche stehen, ihr ratlos, ich verzweifelt. Und am Ende werde ich das alles überleben. Das weiß ich, weil es diesen Text gibt, diese Bühne, und die Dankbarkeit in meinem Herzen.

Nur jetzt gerade, wo ich vor euch in der Küche stehe, ohne Mut zu leben und erschöpft, weiß ich all das noch nicht – und schaue durch meine Tränen mit euch betreten auf den Boden. Und ich erinnere mich genau – in diesem Moment weiß ich noch nicht, ob ich am nächsten Morgen wieder aufwachen will.

Einordnung

Auch wenn dieser Text nicht autobiographisch ist enthält er auch Aspekte meiner eigenen Biographie. Er ist trotzdem nicht als Tatsachenbericht zu lesen, und lässt in so viel Nuancen und Feinheiten unbetrachtet, die notwendig wären um als biographischer Text nützlich zu sein. Ich bitte daher weder von dem Text auf meine Geschichte noch auf meinen Gemütszustand zu schliessen.