Weg geschaut
Ein lauer Sommerabend, irgendwo im Pride Month, viel bunt, viel Protest, natürlich ich mitten drin, auch bunt und auch laut – wie die meisten von uns. Und die Gemeinschaft ist toll, so lange wir in der Demo sind. Wir passen aufeinander auf, sind wachsam, aufmerksam, es gibt Awareness-Konzepte, Erkennungszeichen, Geborgenheit.
Shout: "This is what community looks like!"
Und dann verlasse ich die Demo, gehe ich nach Hause, gehe durch leere Straßen zum Bahnhof. Zu bunt für die grauen Fassaden, zu laut, selbst wenn ich schweige.
Ihr schaut mich an, seht mein Bunt vor eurem Grau, das Farbenfrohe, die Abweichung. Ihr seht nicht mich, nur wie ich nicht in euren Tag, nicht in euer Bild passe. Auf eine Weise schaut ihr durch mich hindurch – nehmt mich nicht wahr.
Nur ein Paar Augen focusiert mich und fährt an mir herauf und herunter. Von außerhalb meiner Wahrnehmung aus, aber trotzdem nicht unbemerkt, denn ein kalter Schauer, den ich nicht zuordnen kann, fährt mir den Rücken herunter, über meinen Po, die Beine entlang auf meine Schuhe und in den Boden, auf dem ich wie gelähmt stehen bleibe und in den Abend höre.
Ich drehe mich nicht um, aber höre die Schritte hinter mir, schnell, unbeirrbar und in meine Richtung. Ich laufe los, weg von den Schritten, den Augen, dem unangenehmen Kribbeln. Ich höre ein Keuchen, ein rostiges "Bleib doch stehen, Süße!", dann renne ich los.
Ich spüre die Schritte näher kommen, rieche den kalten Geruch von Rauch und Zwiebelmett, der zu mir weht, und höre mich schreien. "Bleib weg!", und, "Hilfe!" – zwischen kurzen und scharfen Atemzügen.
Vorbei an euch renne ich und eure Blicke gleiten wie geölt an mir ab, suchen andere Punkte, sehen mich nicht, nehmen mich nicht wahr. Ich suche nach einem Geschäft, einem Ort, wo ich nicht alleine bin, nicht übersehen werden kann. Doch ich bin unsichtbar, außer für diese beiden Augen.
Ich habe Angst. Denke "nicht schon wieder" und "nicht nocheinmal".
Und gerade als ich in die U‑Bahn-Station herunterlaufe, greifen mich die Hände mit einem hämischen Lachen und einem "Ha!" Und ziehen mich in einen Korridor.
"Hier war doch mal ein Bäcker", denke ich, während ich mit den Händen verzweifelt versuche, die Augen zu treffen, die mich gierig fixieren, die Hände aus meinem Schritt zu schlagen und den Körper von mir wegzudrücken, der mich an die Holzbretter drückt, die das Loch in der Wand zu nageln, wo ich gehofft hatte, Hilfe zu finden.
Mehrere von euch gehen vorbei, blicken auf den Kampf, meine Verzweiflung, aber eure Augen sehen mich nicht und eure Ohren hören mich nicht.
Eine Faust trifft mich in dem Bauch und mein Schrei verliert sich in gurgelndem Schmerz. Kurz sacke ich zusammen und verliere den Halt, doch ich falle nicht. Ich rieche nur den faulen Atem und weiß, dass ich diesen Geruch nicht mehr vergessen werde. Ziellos greife ich um mich. Meine Hand greift ein Bündel Haare und ich ziehe, reiße. Ein Schmerzensschrei.
"Oh mein Gott, lassen Sie den armen Mann in Ruhe! Was machen Sie denn da?", schreit mich einer von euch an. "Da müsste man ja die Polizei rufen" schiebst du nach. Und eilst davon.
Ich werde wütend, reiße weiter. Ich spüre, wie sich Haare lösen, der Griff sich kurz lockert, und richte mich auf. Eine Hand greift meinen Hals. "Wirst du wohl aufhören!?", zischt der faule Geruch mir entgegen und drückt zu – ein Bein drückt in meinen Schritt.
"Unerhört! In der Öffentlichkeit!". Ein weiterer von euch stapft kopfschüttelnd durch mein von Tränen und der nahen Ohnmacht verschwommenes Sichtfeld. Ich röchle etwas, greife und schlage ziellos um mich und mein Leben, während ihr es eilig habt, euren Zug zu erwischen, oder wichtige Termine im Kopf habt. Ich kann nicht mehr rufen, mir geht die Luft aus.
...
Meine Sicht verschwimmt weiter und ich mag aufgeben. Ich kann nicht mehr. Meine Arme werden müde und schwach und ich spüre nur noch, wie etwas Schweres mich weiter an die Wand presst.
Und während ich mit mir abschließe, wird es mir bewusst – inzwischen gehe ich davon aus, dass so etwas passiert. Ich wundere mich nicht mehr über den Angriff, die Gewalt – doch was mich nicht loslässt, ist eure Gleichgültigkeit – euer Wegsehen.
Dann trifft mein Daumen etwas Nasses. Danach etwas Hartes … Zähne. Eine Wange. Ich greife zu. Mit letzter Kraft reiße ich an der Haut, Zähne beißen nach meinen Fingern und ich zucke vor Schreck, doch ich höre nicht auf. Wenn ich nicht für mich kämpfe, tut es niemand.
Der Griff an meinem Hals lockert sich kurz – ein Ächzen. Ich nehme meinen anderen Arm und schlage mit aller Kraft in die Richtung meiner anderen Hand, die in diesem widerlichen nassen Mund steckt. Ein Knall und ein spitzer Schrei. Meine Handfläche trifft ein Ohr.
Hände lassen von mir ab, ich höre Stolpern. "Du Miststück. Ich bringe dich um!".
Die Stimme kommt vom Boden. Ich renne los, blicke nicht zurück. Ich taumele, falle mehr hustend und keuchend voran. Ihr dreht euch weg oder schreit mich an – "Pass doch auf!"
Ihr seht nur, was euch stört – das, was ihr nicht versteht, nicht verstehen wollt. Ihr seht nur das, was ihr sehen wollt. Ansonsten bleibe ich unsichtbar.
Dann falle ich in meinen Zug.
Auch hier kommt von euch nur Kopfschütteln, tuscheln, ekel.
Aber ich überlebe. Dieses Mal. Unsichtbar für euch, doch die Farben kein bisschen blasser. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ihr mich – dass ihr uns irgendwann seht.
Anmerkung
Da es sich bei diesem Text um eine Anklage handelt möchte ich ihn nicht an Stellen vortragen wo diese Anklage die falschen Empfänger*innen treffen würde. Dennoch ist es mir wichtig ihn zu teilen und ich habe verschiedene Menschen gefragt wie sie sich das vorstellen könnten. Dabei sind diverse Ideen entstanden, wie der Text z.B. in queeren Kreisen vorgetragen werden könnte um niemanden anzuklagen und vermeintlich verantwortlich zu machen.
Die Variante die mir bisher am besten gefällt, ist den Text mit dem Ruecken zum Publikum vorzutragen, so dass dieses 'hinter mir', also auf meiner Seite steht. Dies repräsentiert die gemeinsame Betroffenheit von Diskriminierung und Gewalt auch auf dieser Ebene sehr kraftvoll.