Mir fehlt nix.
A‑Romantik, A‑Platonik, A‑Sexualität, A‑Sensualität – das sind nur einige der A‑Spektren. „A“ ist eigentlich nur ein Buchstabe – einer, mit dem unser Alphabet anfängt. Als Vorsilbe allerdings – aus dem Griechischen kommend – bedeutet er ‘Nicht-’ oder ‘Weg von ...’.
Und für mich als Person, die mindestens auf dem aromantischen und asexuellen Spektrum ist, ist das ein Problem. Es bedeutet, ich kann nur beschreiben, wie ich fühle, indem ich sage, dass ich etwas nicht fühle – etwas, bei dem ich wiederum auf die Beschreibung, die Vorurteile und Annahmen von Leuten angewiesen bin, die es spüren. Und alles, was ich dann sagen kann, ist: "Ne, das hab’ ich nicht."
Auch wenn die A*spec‑Labels für mich hilfreich sind, gefällt mir das nicht, denn ich bin immer auf den Bezug zu Menschen angewiesen, die eine ganz andere Gefühlswelt erleben als ich. Und meine Selbstbeschreibung ist immer defizitär. Ich beschreibe meine Wahrnehmung immer als etwas, das ich nicht habe – etwas, das für viele andere Menschen zentral und wichtig ist.
Und oft führt das zu Bedauern und Mitleid. Das fühlt sich für mich nicht besonders gut an, weil mir eigentlich nichts fehlt. Ich erlebe meine Identität auf dem A*spec von innen heraus als etwas Angenehmes. Und insbesondere seit ich weiß, was meine emotionalen Bedürfnisse sind, fühle ich mich sehr wohl damit. Mir fehlt – bezogen auf meine A*spec-Identitäten – nichts.
Dann tut es weh, zentrale Aspekte meiner Zuneigung zu anderen nur dadurch ausdrücken zu können, dass mir etwas fehlt, das andere eben erwarten – bedauert zu werden dafür, dass ich mich so fühle, wie ich mich fühle, also bedauert zu werden für etwas, das für mich sehr zentral ist: Weil mir etwas fehlt, das für andere sehr zentral ist.
Um es klarer zu formulieren: Wenn ich sage "Ich sehne mich nicht nach Sex oder Romantik." klingt das nicht nach einem attraktiven Paket in einer Umgebung, in der meinem Gefühl nach der Wert von Beziehungen gesellschaftlich vorwiegend daran gemessen ist, wie romantisch oder sexuell kompatibel Menschen miteinander sind. Und – wie gesagt – es ist rein defizitär.
Emotionale Nähe und intime Verbindungen mit Menschen in meinem Leben sind mir allerdings ein großes Bedürfnis – und viele schöne Momente bleiben dabei unausgesprochen:
- Teilen, was in meinem Tag passiert ist
- mich zu Hause und geborgen fühlen und gesehen werden
- Zuhören, Gedanken teilen, diskutieren
- Spaß haben, lachen
- zusammen weinen und trauern
- Demonstrieren, laut und leise zusammen sein – wütend und euphorisch
- Lieder schreiben und singen, Musik hören und Geschichten teilen.
Um nur zu nennen, was mir spontan einfällt – aber weiter gefasst auch:
- Gemeinsam älter werden
- sich aus den Augen verlieren und wiederfinden.
- Alleine sein, aber nicht einsam – egal ob zusammen oder weit weg.
- Wissen, dass jemand da ist, und sich aufeinander verlassen können.
- Enttäuscht werden und streiten, sich vertragen und aufarbeiten.
Und: Dabei nichts vermissen – auf dem A*spec. Aromantisch, asexuell und vielleicht noch mehr. Und vollkommen.
Oft bin ich dabei unsichtbar, weil ich hinter den Standards der Gesellschaft, den als universell angenommenen Erfahrungen, versteckt bleibe. Ich werde bedauert dafür, dass ich etwas nicht habe aber das mir nicht fehlt. Und oft bekomme ich Kühle, Emotions- und Leidenschaftslosigkeit aufprojiziert und verstehe es nicht.
Denn meine Nähe braucht keine romantische Anziehung, meine Intimität braucht keinen Sex. Meine Leidenschaft braucht keinen Funkenflug. Es ist OK, wenn euch das viel gibt, wenn es euch ausmacht – und eure Beziehungen liebens- und lebenswert. Aber ihr braucht mich nicht zu bedauern. Ich liebe und lebe anders … und bin glücklich.
Was aber fehlt, ist eine gemeinsame Sprache – für die Freundschaften mit Versorgungsabsicht, Lebenspartner*innen, die ich nur aus der Ferne kenne, die Leute, die mir in die Augen schauen und mich verstehen, ganz ohne Kerzenschein. Mir fehlen Begriffe für die Commitments, die emotionalen Verbindungen. Die Bettgeschichten in nackt und jugendfrei. Die geteilten Momente der Euphorie über etwas neu Gelerntes, die geteilten Interessen und Entdeckungen. Die vielen tollen kleinen und großen Gefühle in meiner großen Wahlfamilie:
Die Sprache, um euch daran teilhaben und verstehen zu lassen, was ich fühle.
Und so bin ich nicht mehr die Einzige, der etwas fehlt.
Willkommen in meiner Friend-zone. Wir haben Kuchen und gekuschelt werden darf auch. Lass uns einfach Freund*innen sein – ganz ohne ‘nur’ und Defizit …